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kapitel III


Samstag Morgen. Acht Uhr Zehn.
Linda hatten die Augen geöffnet und ließ den Schein der Morgensonne an der Zimmerwand seine Spiele spielen. An anderen Tagen wäre sie vielleicht verzückter gewesen, heute geschah der Strahlentanz nur beiläufig. Schön, aber nicht ergreifend, traumhaft wohl, aber vielleicht ein wenig zu traumhaft für ihre Augen, vielleicht ein wenig zu ideal für ihr dunkles Herz...
Sie atmete tief.
Samstag Morgen.
Samstage waren gute Tage, die besten überhaupt, wenn sie so darüber nachdachte. Die freiesten Tage wohl. Gerade aber fühlte sie sich belastet und gefangen und bedrückt, nicht gerade sehr frei also. In ihren Bauch hatte sich ein Unwohlgefühl geschlichen. Es drückte und rumorte und schmeckte nach psychischer Selbstanklage. Aber darf man nicht auch mal einen Fehler machen? Linda griff zu der ersten Erste-Hilfe-Maßnahme bei Innerangst und zündete sie an. Der Rauch tat nicht gut, er schmeckte nach Verrat und nach Niederlage. Zwei Züge nahm sie, dann drückte sie die Zigarrette aus. Der Rauch hatte sich noch im Zimmer gesammelt und mischte sich in das Strahlenspiel an der Wand. Die Strahlen nahmen den Eindringling hin aber gingen ihren Weg weiter. Wenn Linda dort eindringen würde, dann hätte sie das Spiel unterbrochen. Die Strahlen würden sich an ihrem Körper fangen und resignieren, bewegungslos verharren - vielleicht hätten sie Angst, wer weiß das schon. Linda aber würde kein Störenfried sein, würde sich nicht einmischen, würde unsichtbar bleiben und von außen bewundern... Aber wenn doch alles so viel besser scheint, so viel besonderer scheint, lebenswerter scheint...
Stop. Gedankenbarrikade. Eine Innerdemonstration. Sie lachte bei dem Gedanken. „Gegen Selbstmitleid!“, „Anti-Unterwerfung“, „Handeln, statt Resignieren“, „Fangt doch endlich an zu Leben!“ oder so...
Zweite Erste-Hilfe-Maßnahme, Linda überlegte, Schreiben?
Hast du Innergedanken die niedergeschrieben werden möchten, kleines großes Herz?
Keine Antwort. Also kein Schreiben. Lesen?
Willst du hören wie andere es machen, kleines großes Herz?
Keine Antwort. Rausgehen, Leben gehen!?
Willst du Leben gehen und Leben sehen, kleines großes Herz?
Ein Kribbeln und das Gefühl als ob endlich einmal wieder etwas richtig wäre. Ein gutes Gefühl.
Die Tür zum Zimmer der Eltern war nur angelehnt. Sie lugte kurz hinein und sah Falk und Elisa Arm in Arm in ihrem Bett liegen. Am Fenster lag Gilly mit ihrer Decke unter dem Kopf und atmete ruhig. Linda lächelte. Sie ging weiter in die Küche und machte sich Kaffee. Hunger hatte sie nicht. In ihrem Kopf schmiedete sie Pläne für den Tag. Samstag.
Eigentlich bräuchte sie ein paar Dinge aus der Stadt. Vielleicht sollte sie diese einmal näher erkunden, dachte sie sich.
Wenig später saß sie in leeren Bus und fuhr durch die Morgenstille. Die Straße war schon viel befahren. Sie beobachtete die Menschen in ihren Autos. Sie wirken so gestresst und unruhig. Ganz anders als sie sich fühlte.
Der Bus bog in die Kleinstadt ein und fuhr an den ersten Geschäften vorbei.
In einer kleinen Konditorei saß eine ältere Frau mit Hut und einem rüschenverzierten Kleid. Ihre Haare waren mühevoll zu unbeweglichen Locken frisiert. Sie aß einen Kuchen und hielt die Gabel dabei vornehm und graziös - sie wirkte leibhaftig wie aus den fünfziger Jahren, befand Linda.
Ab und an gibt es diese Augenblicke, die einen in eine ganz andere Zeit versetzen.
Manchmal, wenn sie durch die Wälder wanderte, Bäume betrachtend, lächelnd, dann fühlte sie sich wie in alten fantastischen Zeiten und dachte sich wunderbare Geschichten dazu aus. Einmal war sie in ihrer Geschichte eine ausgerissene Elbin, die die Freiheit suchte, ein anderesmal war sie Botenbringer und suchte die Höhlen der Zwerge. Damals hatte sie wirklich eine Höhle gefunden. Sie hatte sich so frei in ihren Tagträumen gefühlt.
Der Bus hielt an der Ecke zur Kirche und ließ sie aussteigen. Das Gottgebäude erhob sich auf einem Hügel umgeben von einem kleinen Park. Fast ein wenig wie in Stockholm sah es hier aus. Sie war dort einmal im Herbst gewesen. Die Laubfarben würde sie niemals vergessen, dachte sie. Nun aber war es später Frühling. Das Blätterspiel war nicht weniger faszinierend. Die Kirche würde sie später noch besuchen, nun erst ging es in die Altstadt, die sich hinter dem Hügel ergab. Zwei Stationen weiter befände sich ihre Schule. Das Erlebnis von gestern schien fern - Linda wusste jedoch, wenn sie am Montag wieder in der Klasse stehen würde, käme Angst und Verzweiflung wieder. Montag war aber fern, jetzt war Samstag.
Sie ging leichtfüßig über die alten Pflastersteine der Straße. Es war schon ein schönes Bild - die Altstadt mit kleinen Gassen und Winkeln auf der linken und der Park mit den frühlingblühenden Bäumen auf der rechten Seite. Als das Gebäude der Kirche ein wenig hinter ihr lag verließ sie ihren Weg und verlor sich in einer der Gassen. Die Häuser standen hier so dicht als dass sie der Frühjahrssonne keinen Eintritt gewehrten. Ein dunkelrote Haus zog Lindas Blick auf sich. Es gefiel ihr. Besonders gefiel ihr einer der beblühmten Balkone an ihm. Märchenhaft. Dann fiel ihr Blick auf einen kleinen Laden rechts von dem Haus. Über der Tür hing ein Schild aus Holz mit einer organgen Schrift. „Alfons Bücherkiste“ stand dort in Großbuchstaben. Sie lächelte. Ein Schaufenster voll von Büchern winkte und rief. Und Linda folte. Ihre Füße hatten sich schon der Tür genähert. Eine Glocke läutete, als sie eintrat.
„Guten Tag,“ sagte sie hellstimmig dahin.
„Ah, guten Tag, meine Dame.“ An einem antiken Sekretär saß ein älterer Herr mit nettem Lächeln und einer grauen Baskenmütze. Irgendetwas an ihm war besonders, aber Linda sollte das noch nicht in Worte zu fassen vermögen.
„Kann ich dir helfen?“
„Eigentlich nicht, nein. Ich schaue nur.“ Sie hatte nach einer alten Ausgabe von Rilkes Stundenbuch gegriffen. Sie hielt es an die Nase, es roch gut.
„Ja, sieh dich nur um. Mein Reich ist allen offen.“ Er lachte kurz in sich hinein und murmelte etwas, dass Linda nicht verstand. Er hatte sich schon wieder einer Liste zugewendet, die er nun aufmerksam betrachtete, Linda dachte aber über seine Worte nach. Sein Reich war allen offen, zumindest jetzt, da dort das Schild an der Tür hing, ‘geöffnet’. Den Eingang in ihr Reich konnte niemand finden außer sie. Dann hatte sie einen kurzen Moment ein Bild vor Augen, verwarf es wieder.
Ihre Finger tippten auf das Buch. „Wieviel soll das kosten?“
„Man soll sein Reich auch teilen, nicht wahr? Ich schenke es dir.“
Linda blickte auf in seine Augen.
„Wie? Nein, das geht doch nicht.“
„Natürlich, sehr gut geht das. Ich glaube, dass du mit dem Buch etwas Gutes machen wirst. Deshalb gebe ich es dir. Du wirst es gut bewahren, meine Kleine, das sehe ich in deinen Augen. Nimm es ruhig.“
Linda lächelte, wunderte sich aber, woher wusste er? Es war ihr Buch. Eine Erinnerung, die ihr geblieben war. Etwas sehr wertvolles.
„Seltsam, aber dieses Buch bedeutet mir mehr als allen anderen. Ausgenommen Rilke selbst wohl.“
Er lachte nun. In seinem Lachen war er jung geblieben.
„Genau deshalb sollst du es nehmen, kleine Große.“
„Linda.“
„Alfon.“
Sie streckte ihm die Hand hin. „Es muss wunderbar sein, sich sein Reich geschaffen zu haben, andere teilhaben lassen zu können. Du siehst glücklich aus, Alfon. So, als hättest du deinen Traum verwirklicht.“
Er schwieg ein wenig, antwortete dann, „ja, das hier war mein Traum, dieser Laden. Für ihn habe ich viel opfern müssen, und es ist nicht so als dass mich sehr viele Leute in meinem Reich besuchen würden. Aber es ist mein Reich und ich bin froh hier. Und es ist schön von solch Leutne wie dich hier besucht zu werden.“
Linda nickte, sie verstand. Dann zeigte sie auf das Buch. „Danke, Alfon.“


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