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kapitel II


Im Grunde ist es nicht wichtig wo man ist, wenn man im Reinen mit sich selbst ist, dann ist man überall zufrieden.
Aber wenn man nicht im Reinen mit sich selbst ist?
Vielleicht ist es gerade die Umgebung, die dazu beitragen kann.
Ein wenig war es so, oder sie hatte nur gute Tage.
Auch in Hamburg hatte sie das eine oder andere Waldstück gefunden, wo sie halbwegs ungestört für sich sein konnte - stundenlang. Vorallem im Süden, am Rande; da konnte man in die Heide gelangen. Die meisten, die dort wohnten, wahren der Heide garnicht so nah, wie sie es geographisch gesehen waren. Sie sah nicht allzu viele Menschen, und wenn, dann drangen die nur in den Außenteil. Wenn man ein klein wenig gegangen war, dann konnte man feine Dinge entdecken. So hatte sie auch ihren Baum gefunden. Wenn sie in seine Äste gestiegen war, so hoch sie konnte, die Zweige ein Haus um sie bildeten, dann war ihr manchmal danach aufzustehen und aus voller Kraft sie brüllen „Ich bin der König meiner Welt“. Nur manchmal. Eigentlich stand sie nicht sehr oft für sich ein, war nicht extrovertiert, war schon immer eher für sich, abgegrenzt. Aber in dem Moment, da gab es nur sie, ihren Baum und die Welt. Dann raschelten die Blätter und ihr Lachen verwob sich mit dem Klang, den der Wind erzeugte. Das waren zeitlose Momente, Momente, die niemals vergessen gehen würden.
Die ersten Tage in der neuen Umgebung waren vergangen. Man hatte sich eingerichtet so gut es ging, im Alltag war alles ähnlich wie zuvor. Für Gilly müsste so gut wie alles gleich sein, sie sah immernoch die selben Möbel, als einziges hatte sich der Ausblick aus den Fenstern verändert, aber sie war zu schwach um alleine dort zu stehen. Manchmal saß Falk mit ihr auf dem Arm am Fenster, Minute über Minute. Das war ein guter Anblick für Linda, weil die beiden so eins waren, ein Augenblick voller Melancholie. Manchmal fragte sie sich, warum es gerade Gilly getroffen hatte. Die kleine Gilly, die doch so lebensfroh war. Lebensfroh genug für sie beiden zusammen! Ja, Gilly hatte das eine oder andere Mal ein wahres Freudenfgefühl in ihr geweckt. Und sie hatte sie umarmt wie sonst niemand. Ehrliche Umarmungen erhält man nicht oft, vielleicht, weil so wenig Menschen noch ehrlich sind. Weder ehrlich zu anderen als zu sich selbst. Es war auch schwer so jemanden an sich heran zu lassen, Berührung ist schließlich nicht immer gleich Berührung. Berührung kann Fühlung sein; wie eine sanfte Windbrise, die die Wellen aufwühlt. Das verbirgt ein Lächeln! Berührung kann auch flüchtige Angewohnheit sein, manchmal sogar pflichtbewusst; wie ein kurzes kaltes Händeschütteln. Linda hatte in den letzten Jahren viele flüchtige Berührungen erlebt, aber sie hatte immer gewusst, dass sie keine innere Freude verursachten, weder in ihr, noch in jemand anderem. Nur Gilly, Gilly lächelte, wenn sie sie umarmte, ein ehrliches, wundervolles Lächeln, dass ihre kleinen Zähne zeigte und ihre Augen leuchten ließ, nein, ihren ganzen Körper - und das ließ auch Linda leuchten, für einen Augenblick. Warum also Gilly, die doch so leuchten konnte, wie ein Stern am Himmelszelt? Weil ihre Heimat in den Sternen lag, dachte sie dann.
Sie hatte so gut wie möglich versucht zu vergessen, dass ihr noch etwas anderes bevorstand. Linda war gut darin, Sachen nach hinten zu verschieben, auch das ist so eine Sache, leider. Denn diese Dinge fühlt man unterbwusst umso mehr, sie verfolgen sogar des Nachts Lindas feinen Geist.
Nun war es wohl aber so weit. Es war Montag morgen, ungefähr halb sechs, sie könnte noch beinahe anderthalb Stunden schlafen, aber aus irgendeinem Grund wollte ihr das nicht mehr gelingen.
Schule.
Wer Linda kennt, der weiß, dass sie ein wunderbar intelligentes Mädchen ist. Heut zu Tage gibt es viele dieser Menschen, die vielleicht sogar zu intelligent sind, für die Schule - gemeint ist, dass sie sich an anderen Stellen Gedanken machen, sie beginnen irgendwann zu fragen „Was mache ich hier eigentlich?“ und so kommt es, dass die Schulstunden nurnoch an ihnen vorbei ziehen, ohne große Spuren der Bewunderung zu hinterlassen. Man kann nicht sagen, dass sie die Schule hassen, vielmehr ist sie ihnen gleichgültig, da sie wichtigere Dinge im Kopf zu denken haben.
Vielleicht war das ein Teil der Gefühle, die Linda der Schule gegenüber verspürte - trotzdem, sie lernte gern, vielleicht zu gern, sodass sie das meiste der Dinge, die die Lehrer versuchten zu erläutern, schon wusste. Das war jedoch nie ein Grund für sie, sich zu melden, nein, sie meldete sich generell ungern, fiel auch nicht auf, abgesehen von den üblichen Reaktionen auf die Art wie sie sich zu kleiden vermochte.
Die Lehrer sagen hingegen, dass sie viel mehr in sich trug, als sie zeigte. Das empfand sie als Belustigung, Pädagogik an sich hat so oder so viel mit Psychologie zutun, das war wohl garnicht mal allen von diesen sogenannten Pädagogikern bewusst!
Dann war da aber noch der Teil, der ihr bis in die Nacht folgte; der ihr bis in die Gedanken folgte und ihr die tägliche Angst vor jedem neuen Schultag verlieh.
Es gibt viele verschiedene Wege mit Ängste umzugehen - einer von ihnen ist wohl, sich einzureden, als dass sie nicht da wären. Das tat Linda also gerade, wie sie dort im Bett lag und den Wecker anstarrte.
Sie versuchte sich selbst ein wenig Mut zu machen, denn sie wusste, wenn sie ersteinmal dort hingegangen wäre, dann würde sie eine Erleichterung empfinden, und aus dieser Erleichterung würde ein Freudegefühl entstehen, ein wahres, ehrliches sogar. Wahrer Mut ist, eigene Grenzen zu erkennen und zu überschreiten. Aber überlistet Mut immer Angst?
Es gab die ein odere andere Situation, auch in Lindas Leben, in der der Kampf unentschieden oder sogar verloren ausging für den Mut. Dann ging es nurnoch darum den Moment irgendwie zu überstehen, irgendwie einen klaren Kopf zu bewahren und sich dann nachher zu sagen „Hey, du hast es versucht! Sei stolz!“, das ist dann jener unehrlicher Stolz, der Stolz, der die Angst verdrängt, aber nicht überlistet sondern nur unfair ruhig stellt; schlussendlich weiß der Geist, dass es so ist - und leidet. Aber wie Leid eben so ist, es ist vergänglich, zumindest im geringen Maße. Linda fragte sich gerade ob es eine wissenschaftliche Formel für die Vergänglichkeit von Leid gäbe. In etwa Vergänglichkeit gleich Leid plus bereits vorhandenes, verdrängts Leid minus Rückrat und Hilfe. Oder mal? Wird es also schlimmer je mehr es sich aufbauscht, so viel, dass es irgendwann nicht mehr zu stillen ist? Das würde die therapeutische Verarbeitungsweise erklären, Depressionen und ähnliche Geschichten. Wissenschaftlich lässt sich vieles ergründen, aber das Leid eines Menschens wirklich nicht, so dachte sie jetzt und schüttelte ihren wirren Haarschopf, ein wahrlich buntgedachtes Ablenkungsmanöver. Ob sie sich heute die Haare kämmen würde? Wohl nicht, dann würde sie sich ja eingestehen, dass sie darüber nachdachte, wie sie auf andere wirkte.
Die anderthalb Stunden ließen sich wahrlich Zeit beim vergehen. Die Nacht welkte, der Morgen begann. All das sah sie, als sie dort in ihrem Bett lag, die schwarze Bettdecke wegen der nächtlichen Kühle bis an ihr Kinn gezogen, die Füße wackelnd. Seltsam an solchen Momenten ist nur, dass man zwar meinen mag, sie vergingen langsam, doch im Nachhinein, da weiß man garnicht mal mehr, was man getan hatte, aber so war es nicht! Gerade diese Momente waren von einer Intensität, die bemerkenswert war. Linda erinnert wie das Herz im erschreckenden Tempo klopfte, sie erinnert wie sie sich immer wieder in aussichtslosen Gedankenketten verhedderte. Sie erinnert das müde Gefühl in den Gliedern, bei jeder Umdrehung, sie hatte wahrlich wenig geschlafen, abends ein Auge zu zu tun war ähnlich schwer gewesen wie jetzt am welken Morgen. Eine Minute bevor der Wecker klingeln sollte erhob sie sich dann. Sieben Uhr. Im Erdgeschoss hörte sie die ersten Regungen von Falk und Elisa, die versuchten das Leben so normal wie möglich zu gestallten, sie blickte sich selbst im Spiegel an und sagte zu dem verdrehten Mädchen, dass ihr erwartend entgegen lugte: „Ich kenn dich zwar nicht, aber ich putz’ dir trotzdem die Zähne.“
Nach zehn Minuten war sie mit allem fertig. Die Zähne waren geputzt, die Haare ungekämmt, essen konnte sie nichts, sie hatte das angezogen, was neben ihrem Bett lag und saß nun auf dem leeren orangroten Sofa, dass ihr nicht gehörte, und rührte im warmen Kakao, damit sich keine Haut bildete. Die mochte sie nämlich nicht.
Zeit war schon eine Sache für sich, man sagte ja bei den einen und anderen Dingen, dass es sie nur zu Verstehen galt, um sie beherrschen zu können. Daran glaubte auch Linda, nicht nur aus dem Grund, weil es ihr ein wenig Kontrolle und sogar ein wenig Macht verlieh. Die Zeit aber, die galt es niemals zu beherrschen, sie lief wie sie es gerade wollte, vielleicht auch, weil sie nie jemand verstanden hatte. Nun gerade, da sie eben noch allzu lange im Bett gelegen hatte, lief die Zeit und nur nach einem Wimpernschlag fand sie sich vor dem alten Gebäude wieder, dass nach Weinblättern roch, die nunmehr auch alles umrankten. Hohe Fenster, die sich in weißem Stuck auf dem erbleichten Beige der Außenwand niederlegten. Es war schon allerhand los, sie stand nun ein wenig verloren in der Eingangshalle. Hier sah es schon mehr nach Schule aus. An den Fenstern und Wänden hingen gebastelte Ostereier aus Pappe und Buntpapier. Hie und da fanden sich eine Gruppe Bleistiftzeichnungen wieder, allerdings alle immer vom selben Motiv. Was das wohl bringen sollte? In der Mitte des Raumes standen ein paar Tische, mit leicht abgescharpten weißen Lackierungen, die üblichen Geschichten eingeritzt, das sah sie auch vom Weiten. Dort hatte sich die eine und andere Gruppe niedergelassen. Scheinbar die üblichen Cliquengebilde, aber aus so etwas hatte sich Linda schon ihr Leben lang raus gehalten, es war in gewisser Weise ja auch ein wenig lächerlich, nicht wahr? Aber so lange sie glücklich waren... Links im Raum war eine Cafeteria, an der zu dieser Stunde die Fensterläden hinunter gelassen waren, wiederrum links und rechts von ihr liefen zwei graugepunktete Treppen das Gebäude hinauf, in vollkommener Symmetrie. Rechts im Raum ging eine große graugepunktete Treppe in den anderen Teil des Gebäudes, dort hing an einer Glastür ein Schild mit einem Pfeil und dem Wort „Schülerbüro“, sie folgte also dem Pfeil. In ihre Klasse hin führte sie dann kein Pfeil. Die musste sie selbst finden, Vsa, Vorstufe a, Raum 1.05, im ersten Stock, im anderen Teil des Gebäudes, hatte ihr die freundliche Frau im Büro beschrieben. Noch könnte sie sogar zurück. Sie könnte einfach so tun als wäre sie dort gewesen. Nur, für wie lange wohl.. Und eine solche Unehrlichkeit? Nein. Nicht nur unehrlich wäre es, mehr oder minder feige dazu. Wie war das mit dem Mut? Wahrer Mut ist, eigene Grenzen zu erkennen und zu überschreiten. Wenigsten einen Versuch wollte sie starten. Und wie sie darüber nach dachte hatte sie schon die Tür zu dem Raum geöffnet, ohne sich zu entsinnen. Ein Raum voller unbekannter Augen richtete sich auf sie. Die ersten wenigen Sekunden des Schreckens, in der Tür stehend, mit dem Griff in der Hand. Auf dem Pult saß ein recht junger, blonder Lehrer, dieser war es auch, der die Zeit zum weiterlaufen brachte. „Hallo, du musst Linda sein, man hat mich schon über deinen Einstieg informiert, setzt dich doch, mh... dort, in die zweite Reihe, neben Johanna.“ Innerlich ärgerte sie sich sehr darüber, dass sie leicht rot anlief, denn das spürte sie. Johanna schien nicht sonderlich begeistert, auch der Rest der Klasse starrte etwas befremdlich. Fünfundzwanzig Augenpaare waren es, die sie angestarrt hatten, mit Herrn Luhmann, so hieß er, eingerechnet. Das hatte sie in der ersten Stunde, Geschichte, gezählt. Hexenprozesse, ein altbekanntes Thema. Linda achtete nicht allzu sehr auf die Worte, die Herr Luhmann an die Klasse richtete, sie besah sich unbemerkt die gesichter ihrer Mitschüler. Beginnend mit Johanna, dem Mädchen neben ihr. Sie hatte lange blonde Haare, die zu einem Zopf zusammen gebunden waren. Ganz glatt und sehr gut gekämmt. Sie trug ein türkisfarbenes Shirt, mit Ärmeln, die knapp über die Ellbogen reichten, ihre Arme waren rasiert, ihre Augenbrauen perfekt gezupft, sie umrahmten ein zartgeschminktes Auge von hellblauer Farbe. Die Lippen war eher schmal, aber symmetrisch und glänzend weich. Die Nase war klein und gerade. Eigentlich sahen fast alle Mädchen aus der Klasse aus wie sie, oder beinahe. Manche trugen ihre Haare offen, manche kunstvoller friesiert, andere hatten braune Augen, andersfarbige Shirts, aber sie sagten alle das gleiche aus. Zwei Mädchen aus der letzten Reihe bildeten die einzige Ausnahme. Josephine und Merle, erfuhr sie im Laufe des Tages. Merle hatte ihre Haare zu einem Undercut rasiert und trug weite, dreckige Klamotten. Josephine schaute leicht bekifft in die Klasse und grinste, als sie Lindas Blick bemerkte, streckte dann kurz die Zunge raus, was ein Lippenpiersing zur Schau gab. Linda lächelte nur. Josephines Haare waren lila gefärbt. Sie erinnerte Linda ein wenig an Birte, eine Bekannte aus Hamburg. Nur das Birte ihr niemals die Zunge rausgesteckt hatte.
Nunmehr war sie nicht hier um Freunde zu finden. Warum sie hier war? Die Frage stellte sie sich lieber nicht, denn eigentlich war sie nur hier um die Anforderungen zu erfüllen, die die Welt an sie stellte, oder besser die Leute im sie herum, vielleicht auch noch genauer sie selbst.
Sie ließ also eine Doppelstunde Geschichte über sich ergehen, folgend von Biologie, Deutsch und einer Doppelstunde Kunst. Der Stoff war ähnlich, in einige Dinge würde sie sich einarbeiten müssen, wahrscheinlich würde sie aber auch das lassen, sie würde sich schon irgendwie durchkriegen, wie immer.
Das war einer dieser Tage, an denen man sich besser garnicht erst fragte, ob man glücklich war; und sie wusste, die nächsten Wochen würde so vergehen, sie würde aufwachen und unglücklich sein, vielleicht sogar voller Angst, wenn sich nichts ändern würde. Sie würde die Schulstunden überbrücken, in dem sie ausschaltete, und leben für die wenigen Nachmittagsstunden, die für sie das pure Glück dar stellen würden. Ähnlich wie die meisten Menschen. Hie und da fraß sich der Gedanke durch die Barrikade in ihrem Kopf, ob sie nicht mehr erhoffte, ob sie sich vielleicht nicht damit zufrieden geben sollte, aber - es gab viel wundervolleres und ehrlicheres über das es sich zu Denken lohnte, etwas, dass sie niemals im Stich lassen würde, da es - trotz seiner Materielosigkeit - das Festeste war, das sie besaß, weil es nicht ohne ihr Einverständis vergehen würde: Träume. Es mag sein, dass in ferner Zukunft einmal etwas von den Träumen gelebt wird, aber die Zeit war für sie noch nicht gekommen, es war nicht die Zeit um zu klagen und zu ändern, es war noch die Zeit der Selbstfindung und dann, wenn sie wüsste was sie wollte, dann würde sie sich ein Herz fassen und für sich einstehen, daran glaubte sie fest.
Nun aber fasste sie sich nichts, sie saß in der Schule und nahm mit einem Lächeln Nichts auf, weil sie so fern war. Und das war es, was alles so gleich scheinen ließ, obwohl sich die Umgebung und die Gesichter so geändert hatten. Veränderung beginnt im Innern des Selbst, so heißt es doch. Was aber, wenn man im Glashaus sitzt? Und gar schlimmer noch, wenn man aufhörte gegen das Glas zu schlagen und sich setzte und in sich kehrte, um Ruhe zu finden, weil der Kampf doch so aussichtslos schien. Was war hier aber wohl der aussichtsvollere Weg? Die Chance, dass das Glas doch einmal zerbrechen würde, oder die Chance, dass man im gefangenen Geist seiner selbst Ruhe finden würde? Nun, Linda kannte die Antwort und trotzdem hatte sie aufgehört auf die Glasbarriere zu schlagen, eben deswegen, weil das Glas sich nicht nur um ihre kleine Welt zog, es zog in sie, durch ihren Kopf und machte einen Teil ihrer Selbst starr. Sie war nicht verbittert, nein, sie war nur voll von kalter Lethargie, weil sie sich so sicher darin war, dass alle gleich waren, auch wenn sie andere Körper trugen, andere Gesichter hatten, für sie waren sie alle gleich. Es würde niemanden geben, dessen Atem weiter als bis zu ihrer Haut stach, dessen Blick durch ihre Pupillen hindurch etwas ihrer Gedanken erkannte. Und an diesem Punkt hörte sie zu denken auf, fand sich stattdessen in lieblicher Einsamkeit. Sie dachte nicht daran, dass es vielleicht für sie niemanden geben könnte, weil es niemanden geben könnte, der ihr wertvoll genug erschien etwas von ihr kennen zu lernen. Und das ist es. Veränderung beginnt im Innern des Selbst.
Einsamkeit ist lieblich und weich, fängt auf wie ein Federbett. Einsamkeit ist Lindas ganz eigene Droge und die Abhängigkeit beginnt an der Stelle, an der die Droge zur Qual wird, weil sie aufzufressen beginnt, nämlich wenn man ändern will und nicht mehr kann. Aber dieser Zustand wird auch wieder vergessen, wenn sie lockt und lächelt und lieblich ruft, weil sie so sicher scheint und so wertvoll und so lehrend, als wäre sie alles und alles nachdem man streben müsste, als wäre sie er Punkt an dem der Friede auch in Herz reicht, alles Gute. Oh ja, es ist noch eine Zeit in der Linda ihre Ruhe in der Einsamkeit sucht, und ihren rufen gerne Folge leistet, wie ein freudhaftes Kind. Es kamen und kommen Zeiten, in denen sie den Schatten in all der Einsamkeit bemerkt, ihre Abhängigkeit erkennt und etwas ändern will, etwas neues zu suchen beginnt, sodenn das, was zwischen einsam und gemein liegt, aber gerade zu diesen Zeiten, da sie all ihre Bekannten verlassen hat und sich so gänzlich fühlt, als hätte sie nichts verloren, da lächelt sie ins sich und sieht die anderen Menschen in der Schule an und weiß innerlich, dass sie niemanden dieser Menschen jemals brauchen wird.
Es war auch so, als dass sie vorallem die Menschen im Jungendalter gänzlich unverständlich fand. Es war auch ein seltsamen Befangen, vom Kind zum Erwachsenen zu werden. Der Eintritt in die Vernunft, aber auch in die stille Hinnahme. Als Kind noch, da bewundert man die Welt und all ihr Reichtum, und nach und nach, da wird alles alltäglich und schließlich banal, als Kind, da hat man noch Augen offen für die Welt außerhalb, dann, als Erwachsener, öffnet man sie nurnoch für die eigene Welt und die eigenen Vorteile. Aber es ist keine Weges aussichtlos. Warum schließlich wurde uns die Aufgabe vermacht wiederrum Kinder in die Welt zu setzen, die die Welt kennenlernen, denen wir dier Welt zeigen sollen. Und zeigen kann man nur was man auch kennt, also sollte man hinsehen. Das Jugendalter aber, das war noch eine andere Angelegenheit. Es war auch das Alter des Ausprobierens, des Testens. Es ist wirklich so zu beschreiben als dass das Kind die Welt satt ertastet hat und sich nun anderen Dingen zu wendet, vorallem wohl Dinge, die man als ausgewachsener Mensch tut. Mit zarter und wilder Vorsicht geschiet es, das eine oder andere Mal wird zu weit gegangen, aber das macht nichts. Nichts ist wirklich fest, man testet seine Wirkung in der Welt, sucht sich seinen Platz in der Welt. Man steht auch sehr unter Beeinflussung von Außen. Die Sicht ist eingeschränkt. Für Linda war genau das keine schöne Angelegenheit. Sie hatte sich so auch rausgehalten. Nun, in gewisser Weise stand sie schon früh mit beiden Beinen im Leben - aber sie hatte nie aufgehört Kind zu sein und das tat sie auch jetzt nicht. Dafür müsste allzu viel geschehen, das war unwahrscheinlich. Doch war sie trotz ihrer freifliegenden Träume bodenhaftig und sich ihrer selbst bewusst. Sicher war sie noch mitten in der Innersuche, aber sie hatte gewisse Standhaftigkeiten, die sie fest hielt. Sie wollte nicht ausprobieren. Und das unterschied sie. Vielleicht dachte sie zu viel, mochten einige behaupten; sah zu weit in die Zukunft, betrachtete die Folgen; für sie war es richtig und wichtig. Sie wollte keine Unbeständigkeit, die so verletzen konnte, weil sie die Sicht einschränkte, auch die Sicht in fremde Augen und Herzen, die doch viel mehr von Gefühlen erzählen als Menschenworte - die verfälschen zuviel.
Auch ihre ganz eigene Form von Unnahbarkeit spielte eine Rolle in dem ewigen Spiel, dass sie mit der Gesellschaft zu spielen pflegte. Linda konnte lieben wie keine andere und ebenso konnte sie verletzen, weil sie so unbeständig war wie der Wind. Er konnte urplötzlich seine Richtung wechseln, so konnte auch sie urplötzlich alles zurücklassen. Sie war nicht herzlos, im Gegenteil: Sie ging eben weil sie so liebte - doch Vertrauen fiel ihr schwer. So schwer, dass sie sich nach und nach dazu bekannte allein sein zu müssen, weil sie sich unehrlich fand; deshalb beschloss sie nach einer gewissen Zeit einfach zurück zu lassen.
Und sie war auch zufrieden; ein Einzelgänger, jemand, der niemanden brauchte, entschied sie. Jemand, der mit sich selbst befriedigt ist. Es ist nur, man ist sich selbst so ähnlich, dass man sich an gewissen Gedanken nicht mehr weiter bringen kann, es hakte also. Man braucht dann jemanden, der den Innerknoten löst und die Innerschnur wieder gerade zieht - eben so jemanden hatte sie nicht. Und sie wagte nicht so jemanden zu vermissen, weil sie sich doch selbst dieses Zustandes schuldig befand. Nur dann und wann, da träumte sie davon sich in die Arme eines besonderen Menschens fallen zu lassen. Und nur in diesen kleinen so besonderen Momenten der Erlösung empfand sie die tiefe innere Sehnsucht nach Geborgenheit und Zärtlichkeit, Liebe vielleicht sogar - schnell dreht dann der Innerwind und erzählt von Orten, an denen Einsame durch Eigenliebe glücklich sind; sie dreht sich mit, das machte den Traum wieder zum Trugbild und die Realität wieder zu Glück.
Linda hatte auch kleine, zaghafte Wege gefunden andere Menschen zu lieben; das geschah durch Beobachten. Unbewusste Gesten, Ausdrücke und Eigenheiten konnten sie fesseln und ihr eines Lächeln entlocken, welches von Zärtlichkeit sprach. Es konnte dann das Lächeln eines Unbekannten wie ein kühler Frühlingshauch ihre Seele streicheln und zittern lassen, doch nichts dergleichen gab ihr das Bedürfniss einen jener Menschen kennen zu lernen. Die einzig beständige Liebe war die Liebe zu sich selbst, auch wenn sie dann und wann schwächer schien.
In den ersten Schultagen machte sich ein Junge in ihrer Klasse bemerkbar, dessen Lippenfarbe ihr ungemein gefiel. Sie hatte fast eine ganze Französischstunde damit verbracht seine Lippen zu beobachten. Sie waren wirklich besonders. Sehr rot, aber auch ein wenig gräulich, passend zu den graublauen Augen und dem Rest des Gesichts. Als er ihren Blick bemerkte schenkte er ihr ein Lächeln. Sie drehte den Kopf weg, aber war innerlich erfreut. Sein Lächeln war ein wenig wie das von Gilly - und von Elisa, die es ihr vererbt hatte. Sie brauchte keine weitere Minute mehr auf die Lippen des Jungen zu schauen, weil sich ihr Bild in sie geprägt hatte - das machte sie immer so - sie konnte auf diese Weise Erinnerungen wieder in den allgegenwärtigen Kopf holen, als ob sie gegenwärtig wären.
Dieser Junge also würde nicht mehr für sie bleiben als das Bild seiner wunderbar leuchtenden Lippen, vermischt mit dem unbeständigen Wunsch ihre Giebigkeit zu ertasten, doch dieser Wunsch war verboten und Gott sei dank nur leise. Sie durfte nicht mehr als das Bild sehen. Das Bild war die Welt.
Schlecht nur, dass hinter den Bildern auch denkende Menschen stecken können, die fähig sind zu handeln.
Dieser Junge zum Beispiel wagte es direkt am ersten Tag nach der vierten Stunde auf dem Weg zum Kunstunterricht einen Schritt in Lindas Leben zu wagen. Er erwog sich ihre Stimme zu fordern.
„Du hast auch Kunst gewählt?“
„Gewählt noch nicht, nein. Ich seh mir heute Kunst und morgen Musik an, dann entscheide ich.“
„Achso, ja.. Ich hab’ Kunst. Der Lehrer ist in Ordnung, ein wenig wie eine Schildkröte, ein wenig satirisch. Kennst du die unendliche Geschichte? Wie der Herr Koreander.“ Sie lächelten beide.
„Und die Musiklehrerin?“, sie ließ sich sogar auf das Gespräch ein.
„Die lässt sich mit keinre phantastischen Gestallt vergleichen, denke ich. Die ist ziemlich bodenhaft und uninteressant, und streng dazu. Ich spiel’ zwar Gitarre und üb mich am Schlagzeug, aber ich glaube nicht, dass mir der Unterricht bei ihr irgendwas bringen würde. Geht sowieso nur um Klassik.“
„Ich mag Klassik.“
„Ja? Hm..“
Sie lachte. „Schon in Ordnung. Ich bin mit Klassik aufgewachsen. Klassik ist gefühlvoll und meditativ und.. ach... lässt viel produzieren, weißt du. Ich höre auch viele andere Dinge, natürlich.“
Er überlegte kurz.
„Mag sein, dass ich Klassik als spießig abgestempelt habe, einfach weil alle das tun. Aber wenn jemand wie du das hört, kanns ja nicht so sehr spießig sein, denke ich.“
„Jemand wie ich?“, ihre Stimme nahm hörbar einige Schritte rückwärts.
„Nun ja, das sollte nicht angreifend sein, mein ich. Du bist nicht wie die anderen Mädchen, irgendwie interessant. Ziehst dich anders an. Ich glaube, das zeugt immer ein wenig von Verstand, wenn du verstehst. Einfach, weil man nicht gleich so handelt wie die anderen. Find ich ganz gut so.“
Linda nickte nur.
„Wie heißt du eigentlich?“
„Laurin.“
Sie waren ohne das Linda es wirklich bemerkt hatte eine wendelartige Treppe hinauf gestiegen. Der Rest der Klasse war schon in den kleinen, quadratischen Raum gegangen, der so vertraut nach Kunstraum roch. Die offene Tür ließ einen kleinen Einblick auf verschmierte Tische, voll von Farbresten, die sich nicht lösen lassen würden. Sie mochte das Bild. Allerdings schien die Klasse als solche überhaupt nicht dort herein zu passen. Keiner schien ein Auge für die Besonderheit zu haben, die dieser Raum ausstrahlte. Hinter der Tür stand eine Gruppe von Jungs. Als Laurin Eintrat schlug der eine ihm auf die Schulter. Als er Linda musterte verzog er fast unbemerkt das Gesicht.
„Da bist du ja.“, wandte er sich Laurin zu.
Dieser blickte kurz zurück zu Linda und lächelte das Gilly-Lächeln. Das freute sie, weil sie es nicht für selbstverständlich hielt.
Er saß nun aber wieder in seiner Clique und sie an dem Einzeltisch hinten.
Das war auch die richtige Konstellation. Hatte sie an eine andere erdacht?
Wenn, dann wieder nur ein verbotenes Trugbild. Aber die Erinnerung hatte sich von Lippen nun auch auf das gesamte Bild, die Stimme und den Namen erweitert. Wer hatte das zuletzt geschafft? Laurin, der mit dem besonderen Lächeln, den besonderen Lippen, den aschbraunen, halblockigen Haaren, ungestylt und unauffällig und doch besonders, auf den zweiten Blick.

Der Rest des ersten Schultages verlief auf eine besondere Art anders. Vielleicht ein wenig süßlicher und auch ein wenig vertrauter.
Nach dem Kunstunterricht folgte eine Stunde Philosophie und eine Stunde Phsysik, die sie ebenfalls mit Laurin teilte.
Der Philosophiekurs bestand aus einer Guppe von zwölf Leuten, allesamt desinteressiert und unmotiviert zu denken - dementsprechend abseits saß Linda an ihrem Tisch und starrte durch die Lehrerin, diese war ebenfalls recht wenig angetan von ihrer Arbeit, als würde dort garniemand stehen, der berühmte Namen an die Tafel trug.
Irgendwie war Linda trotzdem nahe an der Stimmung von Rebellion und Tatendrang. Dann und wann sträubte sich ihr Verstand, nach meißt kläglich oder falsch ausgeführten Erklärungen von Sokrates Taten und Ansichten. Sie war sogar einmal kurz davor die Hand zu heben und dagegen zu sprechen, vielleicht auch nur um das verwirrte Gesicht der Lehrerin zu sehen, um ihre Eintönigkeit zu durchbrechen. Aber sie ließ es doch. Es interessierte hier niemanden und sie wusste es besser, das war die Hauptsache.
Physik hingegen fand unter dem Auge eines gewitzten und wachsamen Lehrers statt, Herr Albert, zwischen fünfundzwanzig und dreißig, blondes kurzes Haar, blaue Augen. Er war das was man einen Frauentyp nennen könnte, nicht zu übersehen war auch, dass sich ungemein viele Mädchen meldeten und wachsam jeder Bewegung folgten. Herr Albert schien es fast zu genießen. Linda meinte das eine oder andere Mal Gesten zu entdecken, die nahe an der Grenze zum Flirten standen. Aber es schien nichts aufdringliches daran. Irgendwann begannen auch ihre Gedanken ab zu schweifen und sich anderen Dimensionen zu nähern - das war leicht, gerade wenn der Rest der Klasse mehr oder minder engagiert mitarbeitet. An das Fenster klopfte der lange Zweig einer Eiche. Sie befanden sich im dritten Stock des Hauptgebäudes. Die Fenster waren nach Westen gerichtet, die Sonne trat gerade langsam in den Blick. Man konnte recht weit sehen, Linda war sich garnicht darüber bewusst gewesen, dass die Schule sich erhöht auf einem Hügel absetzte. Nun blickte sie auf die Kleinstadt und auf die Felder und Wiesen, die sie umschlossen. Ganz am Horizont meinte sie sogar ihren Wald auszumachen.
Plötzlich nahm sie einen Stoß war, der sie in die Gegenwart zurückholte. Das Mädchen neben ihr, sie hatte den Namen vergessen, etwas banales wie Anna oder Sarah oder dergleichen, kicherte und sah sie erwartungsvoll an. Linda verzog ein wenig das Gesicht, vewundert, sie hatte doch kein Wort mit ihr gewechselt. „Hast du deinen Namen vergessen?“, plötzlich lachte die gesamte Klasse. Es war die Stimme von Herrn Albert gewesen, der dies sagte. Sein eben noch hübsches Gesicht schien nun zu einer Maske aus Belustigung verzerrt. Aber Linda sagte nichts. „Linda heißt sie.“ Erst da bemerkte Linda, dass Laurin nicht gelacht hatte.
Es verklangen bald die letzten Lacher - doch Linda beruhigte sich nicht - irgendetwas in ihr ließ sie plötzlich wie ein Knecht der Gesellschaft erscheinen. Es war ein bekanntes Gefühl der Niederwerfung, der Niedermachung. Aber sie wollte es nicht, es machte sie wütend und einsam. Laurin sah sie an und lächelte. Sie blickte nur weg. Sicher, er hatte helfen wollen. Aber Hilfe braucht sie nicht.
Als der Glockenton erklang, der dem Ende der Stunde und somit auch dem ihres ersten Schultages, beilief, hatte Linda schon alles zusammengerafft und verließ zielstrebig zuerst das Klassenzimmer, das Neben-, dann das Hauptgebäude und schließlich den Hof und das Tor. Sie blickte sich um. An den Fenstern oben konnte man die schattenhaften Gestalten der Mitschüler erkennen. An der Treppe, ein Stockwerk weiter unten, sah sie auch Laurin und seine Freunde. Sie gingen langsam und sahen so unglaublich aufgenommen und selbstverständlich aus, das Linda sich für einen Augenblick mit dem alten Gefühl des fehl am Platz sein begnügen musste. Dann lachte sie in sich. Wo hatte sie denn jemals dazu gehört? Sie drehte sich weg und musste sich beeilen um den nächsten Bus zu erhalten. Sie hatte Glück, kein bekanntes Gesicht ließ sich blicken.
Sie bemühte sich, aber ihr gelang es einfach nicht ein positiven Gedanken in ihrem Kopf halten zu lassen. Jeder von ihnen machte der leisen Wut, Angst und der Erniedrigung platz und sie wusste nicht einmal warum, denn diese Situation war diesen tiefen Gefühlen nicht einmal gerecht, wie sie befand. Sie betadelte sich selbst damit nicht einfach mitgelacht zu haben. Der gezielte Punkt in ihrem Kopf richtete sich immer wieder auf Laurins Gesicht und ihr fiel auf wie verstanden es ausgesehen hatte. Der wütende Teil in ihr klopfte hart gegen alles Freundliche. Er hatte sie nicht verstanden. Niemand hätte sie auch verstehen können. Das war es doch, was sie all die Jahre hatte überwinden lassen: Ihre Einsamkeit. Und es ist eine so sichere Kraft, weil sie nicht ohne Bejaung verschwinden konnte, sie war der ruhige Ozean mit so viel Tiefe und so viel Leben. Menschen gehen, Menschen kommen, verweilen dann und wann und doch werden sie immer zu Vergangenheit, manchmal zu Erinnerung. Und neue Gegenwärtigkeit erfüllt das Leben und lässt andere Menschen die alten ersetzen. Zumindest das Gefühl, dass sie der Innerwelt gegeben haben - nicht die Menschen selbst. Einsamkeit aber ist allgegenwärtig und unentfernt, es scheint sogar als würde man in ihr wachsen, wie die Wurzeln in der Erde eine Blume halten und beschützen.
Es scheint ihr nun als hätte die heutige Aufmerksamkeit einen Schritt zu nah an ihre Unahbarkeit gewagt.
Die würde sie sich nicht nehmen lassen, nicht ihre Einsamkeit und nicht ihre Traumwelt.
Abends lag sie müde im Bett und konnte den Weg in das Traumland nicht finden.
Draußen beschien der Mond eine alte Weide und ließ sie leuchten.
Sie hatte ihr Bett unter die linke Schräge des größeren ihrer beiden Zimmer gestellt, die flatterhaften Stoffgardinen ließ sie offen, auch wenn es hieß, dass die Morgensonne sie meist schon zu früh weckte.
Sie mochte es so sehr, wie der Mond feine Streifen auf die Holzdielen warf. Nun lag sie unter der schwarzen Bettdecke und beobachtete die Grauheit der Welt, die sie doch nie eintönig wirken ließ.
Ihre Gedanken kreisten um Gilly und auch um Laurin und sein mögliches Verständnis der Welt.
Ja, er hatte es gut gemeint, er hatte vielleicht einige Anfänge von Sympathie für Linda entwickelt, dachte sie sich. Ob das gut war? Wohl eher nicht. Sie dachte an all das, was sie in Hamburg zurückließ, den leisen aber beständigen Schmerz, den sie gefühlt hatte und all die Hoffnung, die dieser in ihr hinterlassen hatte. Denn sie war so viel Gefühl gewesen, wie schon lange nicht mehr. Schmerz bindet an die Innerwelt, Schmerz vermag an das Innere heranzuführen, wie nichts anderes. Aus ihm entwächst eine wahre Innerliebe. Und doch wusste sie, dass dieser Zustand nicht ewig weilen würde. Sie wusste, sie würde nicht immer nur in sich bleiben können und sie hatte hie und da den Gedanken, dass sie das vielleicht nicht einmal wollen würde. Es fehlt etwas, dass sich jetzt noch nicht stark meldet, aber es würde stärker werden, mit der Zeit. Das, was fehlte, war Zuneigung, Zärtlichkeit, Bestätigung. Bei diesen Gedanken wühlte sich etwas in ihr auf und widerstrebte. Es war die Angst.
Und es geschah etwas seltsam befremdliches. Linda weinte lautlos. Und erst jetzt, da ihre Wangen feucht waren und sie salzigen Geschmack auf den Lippen erkannte, vermochte sie einzuschlafen. Worum weinte sie? Um Gilly, um die heile Welt ihrer Familie, die wieder einen Riss erhalten hatte, der nicht zu flicken war, oder um sich selbst?







































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