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I


Es gibt diese kleinen alltäglichen Momente, die vermögen die Zeit zum Stillstand zu bringen.
Die meisten Menschen erkennen die wahre Größe jener Momente nicht und verwerfen sie, eben der Alltäglichkeit halber, und vergessen auch, dass für einen Moment ihr Herz erwärmt wurde. Sie erkennen das wahre Befangen der Zeit nicht und überhören, was ihr Innerstes erzählt. Die Stimmen sind leise geworden - zu leise um wahre Achtung zu erhalten.
Linda ist einer der Menschen, die das Alltägliche in ihr Herz lassen; deswegen gibt sie sich auch mit so wenig zufrieden. Für sie ist es zum Beispiel das Größte kleine, flache Steine auf dem Wasser springen zu lassen. Jedes Mal wieder befindet sie es als das vollkommenste Wunder der Natur, wenn einer der Steine sich erbietet einen Augenblick für sie zu tanzen, gegen die physikalischen Gesetze erhoben, bevor auf dem Boden des Wasser versinkt und verschwindet. Es ist nur traurig, dass die Steine, die sie so voller Genauigkeit suchte, für immer verloren sind, zumindest würde sie keinen der Steine jemals wieder sehen.
Sie hatte in Hamburg an den Seitenkanälen der Alster ein paar einsame Plätze gefunden, die sich besonders für einsame Momente zwischen sich, dem Wasser und dem Steintanz eigneten. Dafür musste sie nicht einmal allein sein, ein wenig Ruhe, nur innerlich, denn äußerlich war das so im Zentrum der Großstadt kaum möglich. Aber manchmal, da stellte sie sich vor, dass sie am offenen Meer den einzigen Tanz der Steine sehen könnte. Es müsste wunderbar sein, fern jeglicher eingewurzelter Großstadtgeräusche den Tanz der Steine zur Melodie der Wellen zu erhaschen - und vielleicht, dachte sie, vielleicht würde einer der Steine sogar mit den Wellen wieder zu ihr gespühlt werden, das würde ein wahrlich freudiges Wiedersehen ergeben.
Von solchen Dingen träumte Linda, Dinge, die dem einen oder anderen banal oder sogar unsinnig erscheinen mögen, aber was störte das schon? Und auch nun, da sie die Treppe des neu erworbenen Hauses bestieg, nach oben hin, wo ihr Zimmer sein sollte, verirrten sich ihre Gedanken zum Meer hin.
Eine Stufe der Treppe knarschte, bemerkte sie. Die dritte von oben - oder die dreizehnte von unten. Ihr neues Zimmer kannte sie bisweilen nur von Photos. Als sie die Tür öffnete - eine Tür aus dunklem Holz - war es als beträte sie eine neue Welt. Der Singsang der Vögel erfüllte den Raum in einer Art hintergründigen Musik voll von Traum und Freude. Der leichte Geruch von Holz ließ sie die Augen schließen und wob ihr ein Abenteuer. Sie befand sich urplötzlich auf einem Piratenschiff im Südatlantik. Ihre Mannschaft hatte gerade angelegt, mit vollen Schatzkisten und wüsten Rufen an die Einheimischen. Sie war die Tochter des Piratenkönigs, ihre Haare waren durchzogen mit kleinen Zöpfchen und bunten Bändern. Sie trug ein Tuch über den Schultern, das nach Meeresluft roch und einen weiten vergilbten Rock mit Flicken. Ihre Füße waren schuhelos, immer schon gewesen, und sie sang mit heller Stimme ein Lied an das Meer. Linda öffnete die Augen. Zurückgeblieben war der Wunsch an ein anderes Leben, ein Lächeln und das Summen des Piratenliedes. Sie trat vollkommen ein und begann sich umzusehen. Die Holzschräge aus Eiche zeugte von Natur. In einem kräftigen Grünton als Wandfarbe würde sie nachts wie im Wald schlafen; vorallem da dessen vertraute Geräusche durch die Balkontür flohen, selbst wenn diese geschlossen war.
Sie stellte ihre Tasche ab besah sich alles genauer. Durch einen kleinen Torbogen konnte man links in einen weiteren kleinen, lichtloseren Raum gelangen. Eine Wand war verspiegelt; gegenüberliegend wollte sie ein großes, hohes Bücherregal stellen, und alles aussehen lassen wie ihre eigene kleine persönliche Bibliothek.
Sie mochte es etwas Eigenes ganz allein für sich zu haben.
Auf den Boden, der aus dunklen Holzdielen bestand, würde sie einen schwarzgrünen Teppich legen und Kissen und dann würde sie sich dort hinsetzen und lesen oder in den Spiegel sehen und die eigenen Augen beobachten. Spiegel sind etwas für einsame Menschen, dachte sie, damit sie sich selbst ein Lächeln schenken können, das die Welt erstarren lässt.
Der Spiegel an sich ist schon etwas Seltsames. Er verleiht dem Beobachter eine gewissen Objektivität, allerdings sollte man nicht vergessen, dass er alles verkehrt herum wieder gibt. Ein Spiegel verdreht die Realität. Der Satz gefiel ihr.
Sie stellte sich nun vor den Spiegel und lachte - hellrote, etwas trockene Lippen verformten sich und ließen ein leises, feines und vertrautes Geräusch frei. Doch das Lachen begann nur mit den Lippen; es breitete sich aus über die Wangen hin, bis in die Augen, denen es ein Schimmern verlieh, es ging hinunter in den Hals, durch den Körper, ließ ihn kurz vibrieren. Und dann - auch wenn zu ende - entstand ein kleines Glücksgefühl im Bauch. Und der Laut, der sich den Weg in die Welt suchte, vermochte andere zu erfreuen, wenn es denn jemand hörte.
Jetzt gerade hörte aber nur sie es; und das verdrehte Mädchen mit der löchrig schwarzen Hose, dem schwarzen T-shirt und den schwarzen, langen, ungekämmten, leicht gelockten Haare. Ihre Arme zierte ein Reif mit einem ovalen Amethyst, ihren blaugrünen Augen zum Gegensatz, und um den Hals trug sie eine lange Kette voller Anhänger, alle bedeutungsvoll für ihr feines Herz. Nun drehte sich das verdrehte Mädchen zum Fenster hin und verschwand aus Lindas Blickfeld.
Auch von diesem Zimmer aus konnte man auf den Balkon gelangen. Allerdings sah man von dort auf die andere Seite, dort hin, wo ganz hinten ein Zipfel des Meeres zu sehen war. Mit geschlossenen Augen konnte sie es beinahe hören, oder vielmehr rief sie sich die Erinnerung des Geräusches von rauschenden Wellen in den Kopf und stellte sich vor, wie dort der Strand aussähe. Auch den kannte sie bisweilen nur von Photos. Aber sie ahnte, wie sich Sand zwischen den Zehen anfühlt, auch wenn er kalt ist, so wie jetzt im Frühling. Vielleicht würde sie sogar Sand leuchten sehen, neongrün. Sie hatte darüber gelesen und dann davon geträumt - das war eines der Dinge die sie im Hinterkopf behielt und wie wahre Schätze führte. Andere hatten materielles Reichtum, sie hatte Reichtum an Gedanken.
Sie schloss also die Augen und holte alle Erinnerungen an Strände zurück. Weiße Strände, die in türkises Wasser übergehen, schwarze Strände, umrahmt von Lavafelsen, graue Strände, algenreich. Nicht einmal der Sand fühlte sich immer gleich an, glaubte sie. Aber es war immer der selbe salzige Geschmack an den Lippen, oder? Sie ließ ihre Zunge über die Lippen fahren, schmeckte jedoch nichts.
Eigentlich hatte sie sich immer gewünscht am Meer zu wohnen. Nun, da es sich erfüllte, nahm sie es hin aber nicht wirklich wahr. Das geschah immer öfter, in der letzten Zeit. Man könnte es als eine Art von eingeschränkter Sicht bezeichnen. Wenn man in einem Zug sitzt und aus dem Fenster blickt, aber nachher nicht sagen kann, wie die Landschaft und das Wetter war. Man hat innerlich etwas aufgenommen, aber in den Kopf drang es nicht. So war Lindas Leben, sie nahm innerlich wahr, aber sie schloss schon fast automatisch die Augen, fing die Eindrücke auf und änderte sie in einen Traum. Das war ihr so in dem Maße nicht mal bewusst - eher eine Art von Reflex, entstanden aus Selbstschutz. Linda dachte auch nicht darüber nach, ob es sie befriedigte, denn sie kannte keine äußere Befriedigung mehr. Dafür eine innerliche und die umso intensiver. Sie kannte das Gefühl, dass der Bauch schmerzte vor lauter Weltliebe, sie kannte den Drang alles zu umarmen was ihr in den Weg geriet, nur weil der Regen so gut roch. Ist also die Befriedigung an sich nicht ab einem bestimmten Punkt einerlei? So wie Kälte und Hitze an der Haut irgendwann nicht mehr unterscheidbar sind? Woher das Gefühl kam war demnach nicht wichtig.
Das Meer war also nicht mehr nur in ihren Gedanken, sondern auch in ihrem Leben, ob es sie berührte oder nicht. Sie würde morgen früh dort hingehen und sehen wie es ihre Träume weiterspinnen würde. In ihrem Kopf hatte sie schon ein ganzes Bündel voller verworrener Traumfäden. Hie und da knüpfte sie einen Traumteppich aus ihnen, in Form von belanglosen Wortketten, die Lyrik bildeten. Es war als fügen sich die Fäden selbst an einander um einzigartige Muster zu formen - und wenn sie dann vor ihr lagen, in der kleinen, bekannten, nach recht geneigten Schrift, wusste sie nicht mehr woher die Fäden stammten. Geheimnisvoll lyrische Gedankenketten. Eine feine Sache war das.
Auf diese Art hatte sie viele Gefühle und Situationen kennengelernt, viel von der Natur kennengelernt, und viel vom Meer, auch wenn ihre Muscheln nur Geschenke waren und sie noch niemals mehr als Bilder vom unendlichen Ozean gesehen hatte. Es war als wäre er ein alter Freund. Und der Wind, der die Wellen antrieb, flüsterte in einer altbekannten Stimme voll von Frieden, die sie alles vergessen ließ. Das Zusammenspiel im Kopf zu beobachten, ein Spiel, das zwischen allein und gemein lag; jeder für sich, für den anderen; war als würde man den Sinn des Lebens erkennen.
Sie würde vom Balkon aus eine Strickleiter fallen lassen. Dann konnte sie raus und runter ohne durch das ganze Haus zu laufen, das hatte etwas wildes, naturnahes.
Der Wald umfasst ihr Haus von allen Seiten. Es schien beinahe, als hätten sich die Fichten und Tannen abgesprochen und sich in einem Baumkreis um ihr Haus ausgesäht. Ihre Zweige berührten sich im Wind. Magiereich war das alles, wundervoll. Plötzlich bemerkte sie, dass es fast schien als wäre sie hier fern von allen Jahreszeiten. Sie stand in der Balkontür. Die Luft war warm und durch den Wind kühl zu gleich, die Tannen und Fichten trugen ganzjährig Blätter, man konnte keine Blumen riechen. Es könnte ein kühler Sommertag sein, oder auch ein warmer Wintertag. Weltfern!
Sie besah noch ein wenig, wie der Wind sich in den Zweigen bemerkbar machte, als wäre er Materie, und flocht sich zwei Zöpfchen in die vordere Haarpartie. Das tat sie oft, wenn sie in Gedanken war.
Dann entschied sie sich zu den anderen zu gehen, denn sie roch den Duft von frischen Kakao.

Es gab Zeiten, in denen Elisa summend und lächelnd vor dem Herd stand und den Duft des Kakaos einatmete. Gilly und sie hatten gern dabei gesessen und ihr zugesehen. Allerdings war das in den letzten Monaten fast gänzlich vergangen. Linda jedoch glaubte, dass der Duft von Kakao ihre Ziehmutter noch immer sehr erfreute, auch wenn sich das Lächeln nur noch in den kleinen gelben Punkten ihrer Augen niedersetzte.
Falk hatte begonnen den Anhänger auszuräumen und trug die Sachen durch die Vordertür in das große Wohnzimmer. Er gab dabei als einzigen Laut hin und wieder ein Stöhnen ab. Sowieso war er still geworden, dabei hatte er so viele phantasiereiche Geschichten erzählt - früher.
Zu allererst hatte er für Gilly das kleine Sofa in die Küche getragen. Es war rot, mit orangen Kissen - Gillys Lieblingsfarben. Sie hatten es ihr gekauft, gleich nachdem sie sie aus dem Krankenhaus geholt hatten. Das war vor acht Monaten. Nun lag sie dort, jeden Tag aufs neue. Dort oder in ihrem Bett, oder auf der großen Ledergarnitur im Wohnzimmer, wenn sie alle fern sahen. Aber die Garnitur mochte sie nie besonders, denn sie war kühl und hart.
Falk trug sie morgens in die Küche und abends wieder ins Bett. Das Bett würden sie nun in das Zimmer der Eltern stellen, gleich neben Wohnzimmer und Küche. Trotzdem richteten sie Gilly im zweiten Stock ein rotoranges Zimmer ein, das hatten sie ihr mit einem Lächeln berichtet. Sie würde ja wieder gesund werden, hatte Elisa gesagt und dabei zwanghaft gelächelt. Später hatte sie geweint, aber erst, als Gilly eingeschlafen war. Linda hatte es gehört, weil ihr Zimmer in Hamburg noch direkt neben dem ihrer Zieheltern gelegen hatte.
„Du machst Kakao!“ sagte sie, es klang wie eine banale Feststellung.
„Ja, Kind. Komm, setz dich zu uns. Gefällt dir dein Zimmer?“
„Jah.. Es ist naturnah und weltfern... Gilly, vom Balkon aus kann man den Wind sehen! Glaubst du mir das?“
Gilly lachte.
„Hör auf, Linda. Den Wind kann man doch nicht sehen!“
„Oh, sicher. Wenn Falk dich hochträgt, dann werde ich es dir zeigen, wenn du magst, Glöckchen.“
„Ja, tu das,“ sagte sie, „noch immer nennst du mich Glöckchen, aber ich kann garnicht mehr über die Wiesen laufen und meine Armbänder für dich läuten lassen!“, fügte sie etwas leise hinzu ein trauriger Schimmer saß tief in ihren Augen.
„Aber noch immer läutest du für mich, ganz allein für mich, Glöckchen. Jeder Atemzug von dir ist wie der leise Klang einer Glocke, der mein Herz erfreut. Und wenn wir jetzt beide die Augen schließen, dann sehen wir dich, wie du über Wiesen gleitest. Siehst du, du erhebst dich in den Himmel und läutest für die ganze Welt!“
Gilly lächelte ihr altes, freundliches Lächeln. Sie hatte die Augen geschlossen, als Linda sie auf die Traumreise mit nahm. Nun öffnete sie sie wieder.
„Du kannst das Meer vom Balkon sehen, sagt Papa. Gehst du morgen hin? Bringst du mir dann ein bisschen Sand mit, ja? Wo ich doch noch nie Sandstrand in den Händen hatte!“ Ihre Stimme hatte wieder das vertraut kindliche angenommen. Die letzten Wochen hatten ihr einen kleinen Teil davon gestohlen. Ihre Gesichtszüge waren oft dem eines Erwachsenen nahe gekommen, ihrem kleinen Körper zum Gegensatz.
„Ja, Gilly. Und eine Muschel werde ich dir suchen. Die kannst du dann an dein Ohr halten, damit auch du das Wellenrauschen hörst. Dann schließen wir wieder die Augen und sitzen zusammen am Strand der Träume und lecken uns das Salz von den Lippen.“

Am morgen des nächsten Tages hatte sich das Haus schon verwandelt. Elisa schien wenig geschlafen zu haben, sie gähnte ausgiebig. Falk schlief noch, sie hatte Gilly mit dem Rollstuhl in die Küche gebracht. Es war neun Uhr, die Frühlingssonne erwärmte die Küche, die nach Osten ausgerichtet war. Elisa blickte sich stolz um. Der Küchentisch und die Stühle standen in der Mitte des Raumes als wären sie schon immer da gewesen. An der Wand lag Ginny auf ihrem rotorangen Sofa und döste. Sie hatte die Augen geschlossen, aber ihr Atem ging für den Schlaf ein wenig zu schnell. Keine der beiden hatte Linda bemerkt, die an der Holztreppe stand. Sie blickte nur kurz in den Raum, sah sich noch in den restlichen Zimmern um. Das Wohnzimmer diente noch als Lagerstädte, sie würde später ihre Sachen in die dritte Etage bringen, dort, wo sie wohnte, vielleicht würde sie das eine oder andere aufbauen. Ihren Altar, mit den Mariafiguren vielleicht. Vier Stück hatte sie bereits, alle aus verschiedenen Kirchen. Manch einem mochte es wohl seltsam und anstößig scheinen, etwas aus der Kirche zu stehlen. Es hieß eben dort doch „du sollst nicht stehlen“. Bei dem Gedanken lächelte sie. Was machte es schon, ob die Figuren hier standen, oder dort? Machte das einen Unterschied? Die Leute huldigten sie aus Mutter des Gottessohnes, ob sie nun hier stand oder in den Kirchen. Linda glaubte sogar sagen zu können, dass die Figuren sich dort nicht wohl gefühlt hatten, deshalb hatte sie auch angefangen sie mitzunehmen. Sie nahm nicht jede, nur die, die sie darum baten. Vielleicht wollten sie auch einmal etwas anderes sehen, nicht immer nur im Haus ihres Sohnes stehen; wo die Menschen ein und aus gehen, fühlen, wie sie mit ihrer Ethik und Schuld konfrontiert wurden für einen Augenblick; und wissen, dass sie es zu Hause so oder so wieder vergaßen.
Vier Stück hatte sie. Eine Maria mit Kind, sie lächelte leicht in ihren wunderschön fließenden Gewändern, ihr Kopf war aber nicht zu Jesus geneigt, sondern dem Himmel zu.
Eine Maria kniete nieder, hielt den Kopf gesenkt und hatte die Hände zum Gebet gefaltet. Ihre Gewänder waren einfacher, sie trug ein Kopftuch.
Die andere Maria war traurig. Ihre Hände hingen schlaff und verlierten sich fast im weiten Gewand. Ihre Augen waren voller Melancholie, ihr Gesicht leicht verhüllt, ihr war zum Weinen, das sah man.
Die vierte Maria blickte gerade auf, direkt in die Augen des Betrachters. Sie hielt in ihren Händen einen Ball aus Energie, der in der Luft schwebte, sie hatte die Andeutung eines Lächelns auf den Lippen, sie schien groß und stark, wie die Mutter alles Seins.
Linda hatte sie oft und lange betrachtet. Jede von ihnen ließ so viel deuten. Jede von ihnen spielte eine Rolle, ließ aber das aufblitzen, was in ihr steckte.
Das Göttliche sieht durch viele Augen - Linda suchte in den Kartons nach den Figuren. Gefunden steckte sie sie in die weite Tasche ihrer schwarzen Kapuzenjacke. Sie suchte noch den Schlüssel, ein neuer, noch glänzender, und zwei verschließbare Gläser. Elisa und Gilly schienen nichts gehört zu haben, vielleicht waren sie auch zu müde um etwas zu sagen. Linda konnte sich gut vorstellen, wie Elisa an der Kante des Sofas saß und Gilly leicht über die blonden Haare strich. Sie hatte dann ein feinens, ehrliches Lächeln auf den Lippen, eines voll von Liebe.
Sie verließ das Haus.
Der Frühling brachte langsam den ersten Duft der Blumen, Osterglocken und Krokusse waren gerade aufgegangen. Hier auf dem Land fiel das mehr auf, als in der Stadt. Kleine bunte Punkte stachen in das langsam ergrünende Landschaftsbild.
Vom Haus aus führte ein Sandweg hin zu einer Straße. Sie war selten befahren, aber immerhin standen dort drei oder vier Häuser. Die Straße wiederum führte zu einer größeren Straße, das hatte sie auf dem Weg her schon gesehen. Die Straße wählte sie aber nicht, denn diese führte nach Westen hin, vom Meer weg, zu Städten hin. Nach Südosten verlief ein kleiner Fußweg durch den Wald. Um den Baumkreis des Hauses herum war der Wald gemischt. Alte Pappeln, Eichen und Erlen führten gerade junge Knospen und gebahren in ihnen neues Leben. Linda besah sich all das genau. Vögel sangen. Es war eine einsame Idylle.
So ging der Weg ein paar Minuten, bis er leicht anstieg und dem Wald entrann, die alten Bäume wurden rar, Frühlingsgras wuchs auf Wiesen, einige Felder rahmten die Hügel ein.
Der Weg führte mitten durch all das hindurch und schlängelte sich zwischen den Hügeln entlang, bis die Landschaft wieder flach wurde und einen wunderbaren Anblick frei gab: Das Meer.
Das blaugraue, kräftige Meer der Ostsee. Nicht alle Meere waren gleich - das wusste sie, auch wenn sie zum ersten Mal eines sah. Manche waren flach, manche tief, manche türkis, manche blau, manche sogar blaugrau. All das hatte große Auswirkung auf die Empfindung, dessen war sich Linda sicher. Dieses Meer nundenn, schien kraftvoll und uralt. Sie war stehen geblieben und breitete die Arme aus. Der leichte Wind erhob sich ein wenig, kaum merklich. Linda war stehen geblieben, fummelte ein wenig am Saum ihres Shirts. Die Spitze war ein wenig eingerissen. Sie überlegte.
Da lag er also vor ihr, ihr Traum.
Fast unberührt, ein paar alte Fußabdrücke führten den Weg weiter, niemand war zu sehen, außer ein paar Möwen, die abwartend links von ihr saßen und zum Meer sahen.
Ein paar Schritte und sie würde es berühren, das kühle, zaghaft kraftvolle Meer, sie wusste, es war wahr, denn schon jetzt schmeckte sie leichtes Salz auf den Lippen. Was genau sie fühlte ist schwer zu beschreiben; vielleicht eine Art Angst, wie Lampenfieber. Unweigerlich hatte sie gewusst, dass sie heute zum Strand gehen würde und dass, wenn sie das Meer berührt hatte, all ihre Träume davon ausgehen würden. Sie konnte dann nicht mehr sagen „Ich habe noch niemals das Meer gesehen“, sie musste sich etwas neues träumendes überlegen. Und trotzdem war es eine leicht freudige Nervosität, die sie früh aus dem Bett getrieben hatte - und zusätzlich hatte sie es Gilly versprochen. Diese Erwartung auf Erfüllung des Gedankens an den Strand der Träume hatte ihre Füße bis hierher getragen; und gleich würde sie sie ins Wasser treiben. Dann würde sie dort stehen und versuchen sich das Gefühl des Meeres einzuprägen. Wovor sie Angst hatte? Sie hatte Angst, dass es sich einfach nur anfühlte wie kaltes Wasser.
Aber wer schon einmal im Meer stand, wusste, dass es so nicht wahr. Wer schon einmal nassen Sand zwischen den Zehen hatte und die Knöcheln bedeckt mit Salzwasser, dass sanft umspielt, vor und zurück, im gleichmäßigen Takt, der wusste, dass es ein Gefühl war als würde einem die Welt gehören.
Und so war es auch, dieser Moment gehört ihr ganz allein.
Linda, das Meer, der Wind, der Sand, die Sonne, die durch Wolken lukte.
Nachdem sie eine Weile zu gesehen hatte, wie ihre Füße im Meerboden versanken, zog sie ihre Jacke aus. Die Marias! Sie hatte vollkommen vergessen, dass sie nicht allein war. Nun, allein war man selten, nur innerlich kann man das leicht sein, aber das wäre dann schon wieder Einsamkeit. Die Marias hatte sie mitgenommen um sie auch einmal etwas anderes sehen zu lassen. Nach dem Kartonaufenthalt würden sie sich über einen Ausflug freuen. Sie stellte sie in den Sand, weit genug, um nicht weggespült zu werden, aber doch so nah, dass sie das Wasser riechen würden. Linda würde sie allein lassen un ein Stück gehen. Weit hinten am Strand, nach Süden hin die Küste entlang, wölbte sich der Streifen Land zu einer Bucht. Dort war der Strand steiniger, dort würde sie Unmengen von falchen Steinen finden, auch eine Muschel für Gilly - und ihre eigene für sich.

Gilly lag im Wohnzimmer und war sehr blass.
Auf dem Weg zum Haus hatte Linda einen roten Ford wegfahren sehen, mit einer Frau darin, dessen Haar die selbe Farbe trug. Das müsste die Krankenschwester gewesen sein.
Als Linda eintrat fing sie einen bittenden Blick von Elisa auf, der soviel sagte wie „Lass sie ein wenig Stille haben, sie muss sich beruhigen“ - und Linda sagte nichts, setzte sich einfach zu den beiden. Sicher, keiner konnte so gut schweigen wie sie.
Es schien nach einer Weile, als wäre Gilly eingeschlafen. Elisa verließ das Zimmer.
„Frau Winter heißt sie. Aber ich darf sie auch Manuela nennen.“
Beide lachten. Gilly schlug die Augen auf.
„Ich hab’ sie vorhin weg fahren sehen. Ihr Auto ist so rot wie ihre Haare. Ich glaube sie ist eine von diesen neufeministischen Frauen in mittleren Jahren. Die Färben sich ihre Haare immer rot, tragen flache Flachsschuhe und weite Strickklamotten und lachen ihr hohes, hohles Lachen.“
Gilly grinste.
„Ich hasse diese Spritzen, Linda. Ich bin so müde danach, so abwesend. Und ich fühle nicht mehr richtig.“
„Glöckchen, ich hab’ dir was mitgebracht. Du weißt wo ich gerade war? Sie holte ein Glas mit weißen, reinem Sand aus ihrer Jackentasche und öffnete es. Gilly war zu schwach um es zu halten, aber Linda ließ den Sand zwischen den Fingern zerrieseln und legte ein Häufchen ins Gillys Hand. Diese sagte nicht, rieb nur ein bisschen die kleinen Steine und spürte wie trocken sie sich auf der Haut anfühlten. Dann holte Linda ein weiteres Glas, mit trüben Wasser.
„Das ist das Meerwasser. Im Ozean wirkt es blau, aber das kommt nur durch den Lichteinfall. Weißt du, alle Farben des Regenbogens sind im Licht enthalten, und alle Farben zusammen ergeben die Farbe des Lichts. Und das Wasser, also reines Wasser, nimmt alle diese Farben an sich, nur das blau reflektiert es, das blau prallt also ab vom Meer. Und gerade die Farbe, die es nicht annimmt, hat es. Ist das nicht grotesk?“
Gilly hatte langsam einen Finger in das Wasser gesteckt und roch an ihm.
„Spannend ist das. Ich habe so wenig vom Leben gesehen, Linda. Viel zu wenig.“
„Du wirst noch ganz viel sehen, mit mir zusammen wirst du am Strand läuten.“ Gilly blieb stumm.
Linda griff noch einmal in ihre Jacke und holte eine Muschel heraus. „Schließ die Augen.“
Gilly schloss die Augen und fühlte kurz darauf die harte, feste Muschel in ihrer Hand, ihre Wölbungen, einen kleinen Makel am Rand. Sie lächelte ein traumhaftes Lächeln. Und als sie die Augen öffnete, sah sie, dass die Muschel rotorange war. „Es ist beinahe, als hätte ich die Muschel am Strand selbstgefunden. Als würde ich dort sitzen und sie betrachten.“
Mit der Muschel am Ohr schlief sie ein. Als ihr Atem langsam geworden war, ging Linda hinaus und lächelte. Sie fühlte die vielen kleinen Steinchen, die ihre Jacke beschwerten und ihre eigene Muschel, die sie wie Gilly in der Hand hielt. Sie fragte sich, ob sie einen ähnlichen wunderbar freudigen Ausdruck in den Augen hatte, so als hätte sie die Welt in den Händen, wie Gilly. Ob der jemandem auffallen würde?
Sie hätte weinen können, aber das tat sie nicht. Sie weinte sehr selten, wozu auch?
Geflossene Tränen, die im Boden versinken, ungesehen, ungehört. Es ist als würde der Schmerz dabei mit dem Tränenwasser im Boden verfließen - und das schien falsch zu sein.
Tränen waren salzig wie das Meer. Sie erinnert den Geschmack, wenn eine einzelne die Wange hinunterläuft und sich auf den Lippen fängt. Es war wie der Salzgeschmack auf den Lippen heute.
Das Meer ist auch das Heim der Tränen, nicht nur das Heim der Träume.







































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